Bericht von Andre Luty
Probleme bei der Nachzucht mariner Krebse - mit speziellen Anmerkungen zu den Einsiedlerkrebsen

Was sind marine Krebse? Crustacea: Formenreiche Gruppe von Gliedertieren/Arthropoden, welche nach SCHRAM (1986) die Klassen der
 
Remipedia (primitive Wurmkrebschen)
Phyllopoda (Kiemenfußkrebse, Wasserflöhe)
Maxillipoda (Muschelkrebse, Copepoden, Seepocken)
Malacostraca (Fangschreckenkrebse, Krill, Mysis, Asseln, Amphipoden, Decapoda)

umfaßt.

Erst die Klasse der Malacostraca (höhere Krebse) enthällt die Ordnung der Decapoden, die man allgemein als Krebse, Garnelen, Hummer und Krabben kennt. Ursprünglich stammen alle Krebse aus dem Meer. Einige Gruppen haben jedoch das Süßwasser und sogar terrestrische Lebensräume erobert.Vermehrung von KrebsenEntwicklungsstadien sind meist gleich:

 
Eientwicklung im Weibchen - Befruchtung nach Spermatozoenübergabe - Nauplius - Protozoea - Zoea I-V... - Megalopa (Postlarva) - Jungkrebs Einige Stadien können fehlen, oder laufen im Ei ab.
 

Die Weiterentwicklung hängt von bestimmten Faktoren ab.

- Wassertemperatur (Weibchen mit Eiern im kühleren Wasser - größere Larven)
- Nahrungsangebot (Entwicklung zu Megalopa und Jungkrebs - Pagurus maclaughlinae)
- Bodensubstrate (Sägegarnelen brauchen Schlammböden)
- chemische und optische Signale (Sind Eltern anwesend? Enzyme von Nahrungspflanzen, Schneckenhausgrößen usw.)
 

Auswahl geeigneter Zuchtobjekte

Laborversuche haben gezeigt, dass fast alle Krebse mit mehr oder weniger Erfolg gezeitigt werden können. Es finden sich Berichte zu Strandkrabben, Winkerkrabben, Schwimmkrabben, Porzellankrabben, Knallkrebsen, Maulwurfskrebsen, Einsiedlerkrebsen, Felsengarnelen, Putzergarnelen, Tiefseegarnelen (Pandalidae), Harlekingarnelen, Seegrasgarnelen, Fangschreckenkrebse.

Langusten-Zucht bisher nicht gelungen - zu lange Larvenphasen (bis 22 Monate)

Pistolenkrebse - 27 Arten erfolgreich bis zum Jungkrebs aufgezogen - erste Erfahrungen mit Alpheus sorror - heikler als Calcinus sp.
 

Welche Arten sind für effektive Zuchten interessant?

Alle Krebse, die ihre beim Schlupf verlorenen Energiereserven schnell wieder auffrischen können, d.h.

- Penaeidae - schlüpfen als Nauplien - hochwertige Ernährung über Algen möglich

- Felsengarnelen, Einsiedler, die z.T. großes Futter akzeptieren, welches schnell, energiereich und in großen Mengen verfügbar ist - z.B. Artemia

- einige Einsiedler und Maulwurfskrebse, die nach Schlupf von Dotter leben wie Clibanarius tortugae, Calianssa thyrrena.

- Krebse, die als weitentwickelte Jungkrebse Schlüpfen - Atyidae

- euryhaline Arten, d.h. unterschiedliche Wasserwerte tolerierend, da Werte in Aufzuchtsgefäßen sich schnell verschlechtern und mangelnde Hygiene = Hauptursache für Larvensterben

- Küstenkrebse - Calcinus latens, Clibanarius tortugae, Palaemonidae etc.

- wichtiger Aspekt: Zuchtobjekte sollten für kommerzielle Projekte Gewinn abwerfen, d.h. gut verkauft werden können - Calcinus elegans, Calliopagurus striatus, Harlekin-Garnelen, Lysmata debelius, Lysmata wurdemanni, seltene Stenopus-Arten.
 
 

Probleme bei der Suche nach einem geeigneten Zuchttier am Beispiel der Einsiedlerkrebse:

Bei Clibanarius von 58 beschriebenen Arten nur von 11 Arten die Larvenstadien untersucht. Laborversuche - nach dem Erreichen der Megalopa abgebrochen.
 

Die Larvenentwicklung bei Clibanarius albidigitus nach SQUIDDI et al. (1993)
- Zuchtgefäßen mit jeweils 500 ml gefiltertem Seewasser pro Weibchen(29 Salinität, 30 °C)

- erste Larve (Zoea 1) 4-9. Tag.

- 24 Larven von jedem Weibchen - in 50 ml Aufzuchtgefäße (30 ± 0,5 °C und ohne besondere Beleuchtung)

- Wasser wurde täglich (vollständig ?) gewechselt.

- Fütterung der Larven mit Brachionus plicatilis und Isochrisis galbana

- ab 2. Tag nach Schlupf - frisch geschlüpfte Artemia-Nauplien

- 111 Larven von 120 erreichten das Zoea IV Stadium am 5.-18. Tag

- das postlarvale Megalopa-Stadium - frühestens nach 16 und spätestens nach 48 Tagen erreicht.

- keine Megalopa-Larve zum ersten Krebsstadium entwickelt - Megalopa-Stadium bei dieser Art sehr lang oder diese Entwicklung aufgrund fehlender Schneckengehäuse nicht einsetzte.
 
 

Experimente von A.W. HARVEY (1996) mit Pagurus maclaughlinae, Paguristes tortugae und Clibanarius vittatus
- Einfluß verschiedener Parameter getestet

1. Schneckengehäuse-Angebot

2. das Vorhandensein erwachsener Individuen dieser Arten - hier durch Einspeisung von Wasser aus Becken mit adulten Tieren

3. das Nahrungsangebot und Sediment
 

Pagurus maclaughlinae:

- 4 fressende Zoea-Stadien

- nach 7 bis 10 Tagen Megalopa-Larve.

- Gehäuseangebot und Vorhandensein von Adulten verkürzen wesentlich das Megalopa-Stadium.

Wie bei anderen Pagurus fressen Megalopa-Larven nicht, d.h. das vorhandene oder nichtvorhandene Nahrungsangebot induziert nicht die Metamorphose zum ersten Krebsstadium.
 

Paguristes tortugae:

- nur ein Zoea-Stadium, das nur einen Tag dauert

- Dottervorräte und frißt deshalb nicht.

- Megalopa-Stadium in ca. 4 - 8 Tagen zum kleinen Krebs.

- Vorhandensein von Adulten verkürzt die Megalopa-Phase (kein Effekt beim Parallelversuch mit Adulten anderer Krebsarten)

- Futterangebot verringert Mortalitätsrate der Megalopa, d.h. diese fressen.

- Megalopa-Stadien nutzen keine leeren Schneckengehäuse

- Jedoch reduziert Gehäuse- und Futterangebot die Zeitdauer der Larven-Stadien
 
 

Clibanarius vittatus:

- 4 - 5 fressende Zoea-Stadien.

- Megalopa-Larve in 23 - 33 Tagen nach dem Schlupf.

- Weitere 12 - 23 Tage Metamorphose zum kleinen Krebs.

- nur Angebot leerer Gehäuse zeigt beschleunigenden Effekt auf die Megalopa.

- Megalopa jedoch von weiteren Faktoren beeinflußt.

Bei einem Angebot von Schneckenhäusern und Sediment nutzen die Larven die Gehäuse. Sind diese jedoch nicht vorhanden, kann die Megalopa-Larve sich im Sediment verbergen - jetzt verzögert die Larve ihre Entwicklung zum Krebs. Verzögerung noch deutlicher, wenn Adulte vorhanden sind. Anpassung der Larven an die Ernährungsweise der Adulten, die das Sediment mit ihren Scheren wie Schaufelbagger nach Detritus, Würmern, Copepoden etc. durchwühlen und ihre eigenen Jungen fressen würden.

Die anderen untersuchten Arten ernähren sich von Algen - keine Gefahr für Nachwuchs. Im Gegenteil: diese Jungtiere bekommen indirekt ihre Nahrungsquelle durch das Vorhandensein erwachsener Einsiedler gezeigt.

Die angeführten Fakten zeigen, daß Einsiedlerkrebse gar nicht so schwer zu züchten sind. Viele Larven fressen schon nach dem Schlupf Artemia-Nauplien. Es wundert, daß diese Tiere in Aquarianerkreisen nicht gezielt gezüchtet werden, da es durchaus attraktive Arten gibt.

Kurt QUITSCHAU hat uns schon 1980 an Pagurus anachoretus gezeigt, das die Zucht dieser gepanzerten Meeresritter über Generationen hinweg möglich ist. Allerdings habe ich inzwischen festgestellt, dass bei dieser Zucht zufällig viele der beschriebenen Auswahlkriterien (Dottersäcke bei Zoea 1, zufällig richtige Schneckengehäuse etc.) aufeinandertrafen.

Andre Luty, seit 26.11.2001 auf Korallenriff.de
Vortrag auf der 1. Fisch & Reptil Fach und Informationsmesse in Sindelfingen


Kurzportrait Andre Luty: Andre Luty, geb. 1963 ist seit seinem 11. Lebensjahr Aquarianer. Seit 1986 beschäftigt sich Andre auch mit der Meeresaquaristik. Seit 1993 intensive Arbeiten und Beobachtungen an Doktorfischen, welche in dem Buch "Doktorfische" niedergelegt wurden.

Seit 1997 ist Andre Luty im Redaktionsbeirat der Zeitschrift "Der Meerwasseraquarianer".

Dank: Wir möchten uns ganz herzlich bei Andre Luty für die Möglichkeit der Veröffentlichung auf Korallenriff.de bedanken :-)


Copright des Textes by Andre Luty
Copyright des Fotos by Helmut Strutz